Kombi-WK 2018 aus Sicht eines Teilnehmers

8. bis 9. Mai 2018, Münsingen-Spiez

Dienstag, 8. Mai 2018

13.30 Uhr:

Gemäss Aufgebot ist dies der Zeitpunkt für mein Einrücken bei der Zivilschutzanlage (ZSA) Schützenhaus. Beim Eingang über die Rampe unten vor dem Materialraum erfolgt die Zutrittskontrolle mit Abgabe des Dienstbüchleins. Anna Habegger gibt einen Stoffsack ab, welcher gleich anschliessend bei der Küche individuell mit Sandwich und z’Vieri gefüllt wird. Ich gehöre zur Gruppe 2, welche Abend- und anschliessend Tagdienst hat. Die erste Gruppe ist bereits morgens um 06.00 Uhr eingerückt.

Die ZS-Tasche lasse ich im Aufenthaltsraum stehen, packe die erforderlichen Kleidungsstücke für den Einsatz in Spiez in den Stoffsack.

Kurz darauf sehe ich Mario Mini, gut sichtbar mit „Übungsleiter“ auf der Überzug weste angeschrieben. Der Anblick der Weste hat es mir angetan: Diesen besonderen WK 2018 will ich mit Notizen festhalten. Nur: Da gehören Foto’s auch dazu! Also: Zügig den Bärenstutz runter nach Hause, die Kamera muss mit. Weil ich über kein Smartphone verfüge und noch im Nokia Zeitalter stehengeblieben bin, begleitet mich die Canon Kamera. Vielleicht ist genau dieser Umstand die Chance, statt während Pausen und Ablösungen im Internet zu surfen den WK mit  persönlichen Impressionen auf dem Notizblock und in Bild festzuhalten.

14.00 Uhr:

Die Übungsleiter Mario Mini und Marc Lauper informieren und geben Weisungen durch. Die Teilnehmenden gesellen sich zu den Gruppenleitenden der unterschiedlichen Abteilungen. Ich gehöre zur Gattung Führungsunterstützung (FhrUstü), mit Gruppenleiter Clemens Schnyder und Marc Sonderegger.

14.20 Uhr:

Abfahrt unserer Gruppe von 8 Personen mit dem Minibus VW in Richtung regionales Kompetenzzentrum Spiez (RKZ).  Unser Auftrag ist es, den Kommandoposten (KP) Front von Gruppe 1 zu übernehmen. Die andere Hälfte der FhrUstü Gruppe 2 blieb in der ZSA Schützenhaus Münsingen, um den KP Rück und die Regie zu betreuen.

14.50 Uhr:

Eintreffen beim RKZ Spiez. Der Grossteil der Teilnehmenden (bestehend aus Pionieren, Betreuern und Materialverantwortlichen) fuhr mit dem Doppeldeckerbus nach Spiez.

Den KP Front richten wir mit unterstützenden Anweisungen der Gruppenleiter ein. In Zweiterteams sind die Aufgaben nun zu bewältigen: Empfang der Meldungen über Funk/Polycom oder Email, Kartenführung sowie Journalführung für den Führungsstab.

15.40 Uhr:

Es gehen die ersten (Schadens)Meldungen über den KP Rück ein, später auch von der Regie.

16.00 Uhr:

Eine Delegation ZS Kanton sowie Gemeinderäte inkl. Gemeindepräsident Beat Moser aus Münsingen statten der Übung in Spiez einen Besuch ab.  Der kurze Austausch ermöglicht es uns, den Herren unsere Pflichten näherzubringen.

Damit sich der Otto-Normalbürger eine Vorstellung von fiktiven Übungsmeldungen  machen kann, hier eine Auswahl:

– Der Einsatzleiter der Feuerwehr (FW) Thun will sofort das kantonale Careteam für psychologische Betreuung vor Ort im Spiezwiler-Tunnel.

– Die Sanität (SAN) fordert weitere Patientensammelstellen für rund 100-200 Verletzte und eine Totensammelstelle für eine unbestimmte Anzahl Personen.

– Die FW benötigt Verpflegung für 80 Mann.

– Anwohner melden, dass ein Rega-Helikopter in das Gebäude Hotel Seegarten Marina abgestürzt ist. Grund ist starker Wind.

– Bruno Aeschlimann vom Gartenweg 3b vermisst beide Söhne.

– Die Kantonspolizei (KAPO) meldet diverse Schaulustige beim Schloss Spiez.

 

Wie sind diese Meldungen einzustufen, respektive zu gewichten? In welchen Fällen sind durch den Stabschef angeordnete Sofortmassnahmen notwendig? Diese verantwortungsvolle Aufgabe obliegt dem Posten „Triage“.

18.00 Uhr:

Zeit für die warme Mahlzeit, geliefert durch die Küchenmannschaft aus der ZSA Schützenhaus. Es gibt Poulet, Couscous in verschiedenen Variationen sowie Gemüse (Auberginen, Zucchetti und Zwiebeln). Der Kaffee gibt mir wieder neuen Schub für den zweiten Teil des ersten Übungstages.

18.45 Uhr:

Die Rekognostizierungstour (ReKo) zu zweit an der Kander kann beginnen. Ein Fahrer bringt uns zu diesem zweiten Übungsort bei Spiez. Wir nehmen die Namen der Gruppenmitglieder Pioniere auf und melden diese über Funk an den KP Front. Der Führungsstab muss zu jeder Zeit genau wissen, wer wo aktuell Dienst leistet (Einsatz der Mittel, auch bezogen auf das Material und die Fahrzeuge). Im Uferbereich Kander üben die Pioniere an den Posten Wasserbecken, Personensuche und Seilbahn. Des weiteren befinden sich die Posten Rettung und Brückenbau beim RKZ.

Bei den Personensuchenden simuliert J. Lanz einen Herzinfarkt. Er verspürt beengenden Druck im Oberkörper, ist blass, schwitzt kalt und hat Todesangst. Der anwesende Betreuer nimmt sich der Situation an, setzt den Patienten an einen Baumstrunk, versucht die Symptome einzuordnen. Über sein Natel fordert er fiktiv professionelle Hilfe über die Notrufnummer an. Sein Fazit: Es muss eine Panikattacke sein… Na ja, entweder sind wir schlechte Schauspieler oder der Betreuer darf in den Nachhilfeunterricht. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Ein Gewitter mit Donnergrollen erregt unseren Hörsinn. Ich funke den KP Front an und erkundige mich, was der Niederschlagsradar für die nächsten Stunden vermeldet.

20.00 Uhr:

Rückfahrt zum KP Front, wo die Verarbeitung der Meldungen der Regie und des KP Rück weitergeführt werden.

21.48 Uhr:

Uns erreicht die letzte Meldung des ersten Wiederholungskurstages: „Beim Hangrutsch beim Rebbergweg wurde das Haus mit der Nummer 20 verschüttet. Die Meldung ging durch die FW Spiez ein.“

In diesem Moment halte ich kurz inne und überlege mir, was dies in einem Ernstfall bedeuten würde.  Wie kann ich als Laie und einfacher Zivilschutzangehöriger die endlos eintreffenden, häufig niederschmetternden Nachrichten psychisch verarbeiten? Diesen bedrückenden Gedanken verdränge ich in der Hoffnung, dass das durchgespielte Übungsszenario ein solches bleibt. Als Zivilschutzangehörige müssen wir für den Ernstfall gewappnet sein, obwohl dieser in meiner knapp 20 jährigen ZS-Karriere sehr wahrscheinlich (und das ist gut so!) nicht eintrifft. Genau hier liegt die Herausforderung, unter dieser Voraussetzung die Spannung und Bereitschaft hochzuhalten, parat zu sein.

22.59 Uhr:

Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft  verliert an der Weltmeisterschaft in Kopenhagen ihr drittes Gruppenspiel gegen Tschechien mit 4:5 im Penaltyschiessen. Der Generator, welcher neben dem KP Front brummt, hält trotz kurzzeitigen Ausfällen durch. Wegen den verursachten Verbindungsausfällen WLAN leidet der Spielfluss deshalb nur minim, der Laptop verkürzt uns den Abend dank Livestream wesentlich. Die Ablösung durch Gruppe 2 trifft ein, endlich! Zusammen ärgern wir uns leise über die unnötige und knappe Niederlage.

23.05 Uhr:

Der Doppelstöckerbus verlässt das RKZ mit uns an Bord Richtung Münsingen. Die Mehrheit der jungen Mannen sinkt in die tiefstmögliche Sitzstellung der Lehne. Über die Lautsprecher des Busses ertönt im Radio BEO Michael Jackson, „vo hie für hie“. Dieser Slogan liesse sich wohl auch für die ZSO Aaretal verwenden…

23.36 Uhr:

Ankunft bei der ZSA Schützenhaus, Zimmerbezug im 16-er Schlag, Lichterlöschen kurz nach Mitternacht. Das gut gemeinte Mitternachtsessen lasse ich dankend aus.

01:00 Uhr:

Der schnarchende Bettnachbar im Untergeschoss nervt, da helfen auch meine Ohropax nicht mehr weiter. Nun scheint mir, als wäre das warme Essen die bessere Wahl gewesen. Zu spät. Ich entschliesse mich samt Schlafsack für einen Zimmerwechsel. Im 8-er Schlag nebenan liegen nur zwei geräuschlose Typen im Untergeschoss, nichts wie rein auf die obere Pritsche. Wahrlich der beste Entscheid des gesamten WK!

 

Mittwoch, 9. Mai 2018

06.20 Uhr:

Der Wecker reisst mich aus dem Schlaf, es bleiben 30 Minuten für Anziehen und das Frühstück.

07.00 Uhr:

Alle mehr oder weniger ausgeruhten Zivilschützler der Gruppe 2 treffen sich draussen vor der ZSA. Mir begegnet der übernächtigte Kollege L. Grunder. Er hatte als Mitglied der Gruppe 1 FhrUstü Nachtdienst und freute sich auf das Ende des WK’s mit Übergabe an unsere Gruppe 2. „Hei go schlaaffe“ vernahm ich seiner murmelden Stimme.

07:30 Uhr:

Einer der heutigen Gruppenleiter, P. Hinni, erläutert den Tagesauftrag, das Führen des KP Rück mit 5 Leuten und der Regie mit 2 Personen. Kurz darauf erfrage jcb Übungsleiter Marc Lauper im Regieraum an der Kaffeemaschine, wie es um seine Kräfte steht. Die Kaffeemaschine sei seine Überlebenshilfe schlechthin. Anhand des Verbrauchs an Kaffee könnte er Hauptaktionär von Nestlé sein. Na ja, vielleicht wird es in seinem nächsten Leben tatsächlich so sein, fügt er schmunzelnd an. Nur: In diesem Falle wäre er ganz sicher nicht Übungsleiter bei der ZSO Aaretal, deshalb Finger weg von den Aktien!

07.40 Uhr:

Die Übungsleitung führt neben mir unter den Augen der Beobachter „Günu“ Gunnar Huber und „Küsä“ Markus Finger administrative Arbeiten aus. Alle 177 Dienstbüchlein müssen bis WK-Schluss „verarbeitet“ sein: Eintrag des WK inkl. Couvert mit Sold (im Normalfall CHF 5.00 pro Tag, falls nicht Kadermitglied), Zettel Erwerbsersatz sowie Entschädigung einer allfälligen An- und Abreise mit dem ÖV.

08.00 Uhr:

Im oberirdischen Büroraum beginne ich als Regie mit der Durchgabe von Meldungen über die Kanäle Telefon, Polycom (Funk) und Email an den KP Front und KP Rück. Als Vorlage dient mir ein Excel, wo die Meldungen samt Verfasser und der vorgesehenen Versandzeit aufgeführt sind. Alle zwei Minuten setze ich eine Meldung ab.

11.30 Uhr:

Die letzte Meldung des WK’s verlässt den Regieraum per Email an den KP Front. Mit dem roten Toyota fahre ich zum RKZ Spiez mit, um beim Rückbau des KP Front zu helfen und Material zurückzuführen.

13.00 Uhr:

Materialrücknahme bei der ZSA, die Räume richten wir für die nächste Inbetriebnahme ein.

14.20 Uhr:

Mir wird das Dienstbüchlein mit dem Sold übergeben, die Gruppenleiter verabschieden sich von uns. Der Aufruf zur Mithilfe im Rahmen eines ZS-WK am kantonalen Schwingerfest Ende Juli / Anfang August 2019 in Münsingen erscheint mir zu diesem Zeitpunkt nicht sehr attraktiv. Einzig die Entlassung ins Auffahrtswochenende lässt das Herz nun erwärmen.

15.00 Uhr:

Beim Auspacken der Tasche stelle ich fest, dass meine Jacke fehlt… Also E-Bike unter das Füdli und zurück hoch zum Schützenhaus. In aufgeräumter Stimmung bespricht die Übungsleitung draussen mit den Abteilungsverantwortlichen die Übung. Ich finde mein vermisstes Kleidungsstück  und lasse bei der definitiven Verabschiedung einen letzten Spruch über mich ergehen: „Dr Walliser het öppe d wiifläsche vergässe“.  Klar doch, denke ich mir, es gilt ein absolutes Alkoholverbot im Zivilschutz. Also nehme ich gedanklich auch die Weinflasche mit nach Hause.

FAZIT:

– mehr als 3 Stunden Schlaf gelten im Zivilschutz als ausgeschlafen

– alte Schulkollegen lernen sich im Zivilschutz wieder neu kennen, mit Walliser Dialekt gehöre ich nicht zu dieser Sorte

– das Ladegerät des Smartphones gehört neuerdings auch auf die Materialliste zum Einrücken

– Disziplin und Ordnung funktionieren ohne Drill noch viel besser à Eigenverantwortung, Rücksicht und Reife sind die Erfolgsfaktoren

– ein Tag WK erfordert von der Übungsleitung für eine derartige Grossübung 3 Tage Vorbereitung

– Wetter- und Situationslagen sind aufmerksam im Auge zu behalten, damit die „eigenen Leute“ im Gelände nicht selber in Gefahr raten

– Der Zivilschutz ist für mich die Pfadibewegung für Erwachsene: Allzeit bereit (zu helfen)

 

12. Mai 2018 / Linus Schärer